27 Dez 2014

Sexuelle Probleme und Druck – Menschen in der Sexualtherapie

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Wenn meine Klienten mit sexuellen Problemen zu mir kommen, stehen sie meist unter sehr großem Druck. Das Problem haben sie seit langer Zeit. Sie und/oder ihre Partnerschaft haben einen Punkt erreicht, an dem es für sie persönlich nicht mehr so weiter gehen kann. Häufig stehen sie kurz vor der Trennung. „Sie sind meine/unsere letzte Hoffnung!“ sagen viele.

Therapie ist nicht nur mein Beruf. Therapie ist meine Berufung! Der Druck und das Leid, die aus der unerfüllten Sexualität entstehen, sind für mich ganz klar zu spüren. Und wenn mir Menschen aus ihrem tiefsten Inneren berichten, geht es gar nicht um eine Erektion, ein zu frühes Kommen oder eine besondere Vorliebe – es geht um menschliche Schicksale!

Den Druck, den KlientInnen in dieser Lage verspüren, bringen sie in die Therapie mit. Das ist auch ihr gutes Recht! Allerdings ist genau dieser Druck nicht nur Ergebnis des sexuellen Problems, sondern zumindest (Teil)-Ursache: Der Druck zu funktionieren, eine gute Performance im Bett zu bringen, gut zu sein, immer (Sex) zu wollen, wie auf Knopfdruck eine Erektion zu bekommen und schnell einen Orgasmus – egal, wie das Vorspiel war und so weiter. Ich frage mich dann: Was hat das noch mit Lust und Genuss zu tun? Es klingt nur nach Leistung, Arbeit, Verpflichtung!

Dieser Druck wird auch in den Vorstellungen, die viele KlientInnen von einer Therapie haben, spürbar: die Erwartung, dass mit einer Sitzung das Problem behoben wird, dass ich ihnen ein paar Tipps gebe, wie sie ihre Erektion im Griff bekommen, wie sie ihre Lust steigern, wie sie ganz schnell einen Orgasmus herzaubern.
Liebe Klientinnen und liebe Klienten, leider muss ich Sie da enttäuschen. Sexuelle Probleme sind komplexe Geflechte ganz verschiedener Aspekte. Es gibt nicht eine immer gleiche Ursache für Erektionsstörungen.  Jede sexuelle Unlust hat ihr eigenes Gesicht. Jedes zu frühe Kommen ist von Mann zu Mann anders. Und für jedes Paar, bei dem die Partner unterschiedliche Vorlieben haben, gibt es nur eigene Umgangsmöglichkeiten. Schnelle Tipps à la Quickie bringen nicht einmal kurzfristige Erleichterung. Sogar das hoch gepriesene Viagra wirkt nur dann, wenn Lust bereits spürbar ist. Diese Lust muss man selbst entdecken und zulassen!

In der Sexualität und auch in den sexuellen Problemen agieren wir als ganze Menschen. Sie sind Ausdruck unserer kompletten Persönlichkeit. Hier zeigen wir uns mit unseren sexuellen Erfahrungen, mit unseren Glaubenssätzen und Werten, mit den verinnerlichten Verboten und Einstellungen; mit den Erwartungen an den Partner, an uns selbst, an den sexuellen Kontakt. Welche Bedeutung wir dem Sex, der sexuellen Begegnung, unserem Gegenüber geben spielt eine Rolle dabei, wie wir uns beim Sex ausdrücken. Wie sicher fühlen wir uns als Frau, als Mann, als Mensch? Sind wir „zu  Hause“ in unserem Körper? Fragen über Fragen – und Sie dachten vielleicht es geht nur um Sex beim Sex?

Erfolgs-Druck führt zu sexuellen Problemen. Erfolgs-Druck entsteht durch sexuelle Probleme. Erfolgs-Druck im Sinne von „schnellen Ergebnissen“ oder „mit einer Sitzung muss alles funktionieren“ führt zu Miss-Erfolg,  auch in der Therapie.
Rechnen Sie deshalb mit einer längeren therapeutischen Begleitung, bis sich Erfolg einstellt. Wie oft und wie lange genau, kann ich im Voraus nicht sagen. Drei bis vier Sitzungen sehe ich als Minimum an. Manchmal werden es auch zehn oder fünfzehn.

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